Musik erleichtert letzten Weg

Freuen sich auf die Zusammenarbeit: Martina Degen (r.) verbindet Musik und Palliativ Care und probiert damit einen relativ neuen Weg. Pflegedienstleiterin Rita Wand nimmt diese musikalische und pflegerische Unterstützung gerne an. Foto: Ulrich Lieber

Sassenberg - 

Martina Degen wird ab dem 1. Juni im Sassenberger Altenzentrum zwei Mal pro Woche Bewohner besuchen, um mit ihnen gemeinsam zu singen. Sie begleitet sie dabei ein Stück auf dem letzten Weg. Von Ulrich Lieber

Eine Seniorin schaut aus dem Fenster und sagt: „Ich möchte keinen Schnee mehr.“ Martina Degen fragt nach, was Schnee für sie bedeute. Schnell wird klar, dass es nicht um die Kälte geht, sondern dass die Seniorin sich Blumen und Frühling wünscht. Martina Degen schlägt vor, gemeinsame Frühlingslieder zu singen, und gemeinsam stimmen sie „Der Mai ist gekommen“ an. Zwischendurch bricht die Stimme der Seniorin, doch die Krankenpflegerin trägt sie mit ihrer Stimme und es entsteht ein intensives Gefühl des Miteinander.Dieses Beispiel beschreibt die Arbeit von Martina Degen, die auch Lehrerin für Pflegeberufe und Fachkraft für Palliative Care ist. Hauptberuflich arbeitet die Sassenbergerin am Bildungszentrum in Osnabrück, doch bb dem 1. Juni wird sie auch für jeweils zwei Stunden pro Woche im Altenzentrum St. Josef aktiv sein. Sie besucht dann ausgewählte Bewohner, um sie musikalisch ein kleines Stück auf deren letzten Weg zu begleiten.Dass sie diese Aufgabe übernimmt hat eine Vorgeschichte. Im Rahmen einer Fortbildung hatte Martina Degen die Aufgabe, zum Abschluss eine fachpraktische Arbeit zu absolvieren. „Ich hatte die Idee, Musik mit einzubinden.“ Dazu war eine intensive Literaturrecherche notwendig, denn es galt, sehr achtsam mit dem Thema umzugehen. „Es gibt zwar schon einzelne Versuche, aber es ist etwas Neues“, ist sie mit diesem Ansatz eine Vorreiterin.„Ich habe dann einen Ort gesucht, an dem ich das praktisch umsetzen kann. Ich bin Sassenbergerin und kenne Herrn Fusenig“, erklärt sie die Verbindung zum Altenzentrum. Von Januar bis März war sie dann tätig, und die Arbeit wurde nicht nur von den Bewohnern, sondern auch von den Angehörigen und den Pflege- und Betreuungskräften sehr positiv aufgenommen.„Ich gehe zu den Bewohnern und stelle mich vor“, sagt Martina Degen. Wenn noch Kommunikation möglich ist, wird die Liedauswahl besprochen, wenn nicht, dann mit einem Angehörigen, oder sie probiert einfach aus, worauf der Bewohner positiv reagiert. Ob sie die richtige Lieder trifft, erkennt sie an der Körpersprache. „Ich singe a-cappella in der Mittellage“, erklärt die Sassenbergerin, die im Westfälischen Kammerchor Warendorf und in der Marienkantonei Warendorf singt. Dabei setzt sie möglichst bekannte Lieder ein, zum Beispiel Volkslieder, Gotteslob und Taizé-Gesänge, um die Erinnerung anzuregen.Der Erfolg lässt sich an vielen Dingen ablesen. „Es kommt zu Atempausen, die Abwehrbewegungen lassen nach, die Mimik und die Hände entspannen sich“, sagt Martina Degen. Viele singen mit, oder lassen sich musikalisch von ihr durchs Lied tragen. „Es wird geweint, es kommen viele Emotionen. Das limbische System wird angesprochen.“ Auch Angehörige singen oft mit. Dabei geht es auch darum, einander loszulassen und den letzten Weg beruhigt zu gehen.Ab dem 1. Juni wird sie nun regelmäßig im Altenzentrum sein. Pro Bewohner nimmt sie sich 15 Minuten Zeit. Pflegedienstleiterin Rita Wand freut sich über diese Unterstützung. „Ich treffe eine Auswahl und dann gibt es eine Übergabe“, erklärt sie. Es habe auch viele Gespräche mit dem Pflegepersonal gegeben, die Martina Degen sehr wohlwollend gegenüber stehen und den eigenen Gefühlen mehr Raum geben. „Sie wissen, dass etwas Gutes passiert.“„Die positiven Reaktionen der Bewohner durch einschlafen oder beruhigen der Atemfrequenz, der Angehörigen und des Personals auf mein Singen haben mich in meinem Glauben bestärkt, dass die beschriebene Spirale von Gedanken, Gefühlen, Körper und Schmerz auf positive Art und Weise beeinflusst werden kann.“